Maria Königin, Lingen & St. Marien, Lingen-Biene

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3. Brief von Merlin aus Ghana an die Gemeinde in Biene und Lingen

Guten Morgen, Guten Mittag oder Guten Abend allerseits!
Euch allen erstmal ein Frohes Neues Jahr!

Ja lang lang ist es her, als ich das letzte Mal geschrieben habe. Es ist einiges passiert hier in Ghana.
Beginne ich mit meinem normalen Alltag. Aufgrund der Kommunikationsprobleme mit der Privatschule bin ich jetzt die komplette Woche in der Sacred Heart Kirchengemeinde. Der Aufgabenbereich, Assistent der ICT- Lehrer und die Korrekturen der Klausuren, Schulaufgaben und Hausaufgaben, ist soweit gleichgeblieben bis auf eine Änderung, dass ich jetzt mit den Kindern freitags für 2 Stunden Sport unterrichte. Von Montags bis Mittwochs besuche ich die Schule jetzt auch bis 15:30 Uhr. Donnerstags und freitags ist Schulschluss weiterhin um 14:30 Uhr.
Zur Schule kann ich jetzt auch mal etwas berichten.
Der Schultag beginnt um 7:45 mit einer morgendlichen Parade. Dort wird als allererstes die Nationalhymne zusammen gesungen. Darauf folgt ein sogenanntes Versprechen, dass man Ghana als Mutterland immer treu dienen soll. Ich habe es für euch einmal abfotografiert, damit ihr euch dass mal anschauen könnt. Das Versprechen ist jeden Morgen dasselbe und wird in ganz Ghana nach der Nationalhymne gesprochen. Anschließend wird ein Gebet zusammen gesprochen, eine Ansage vom Schulleiter oder Vertreter des Schulleiters über die Dinge die nicht richtig laufen oder über Aktionen und Programmpunkte und dann wird ein Lied gesungen. Abschließend folgt noch ein Lied bei dem die Schüler in ihre Klasse einmarschieren. Danach beginnt offiziell der Unterricht.

Fußballspiel von meiner Kirchengemeinde.
Mit einer Parade endet der Unterricht dann auch wieder. Allerdings wird hier nur ein Lied gesungen und dann kommt ein lauter Freudeschrei und alle rennen nach Hause.
Dann mache natürlich auch ich mich auf den Nachhauseweg. Im Lehrerkollegium fühle ich mich weiterhin sehr wohl. Ich verstehe mich mit den meisten Leuten sehr gut. Der einzige Nachteil ist leider, dass vieles hier sehr eintönige Arbeit ist und ich mich immer noch ein wenig auf der Suche nach mehr Abwechslung begebe.Das wäre es erstmal zum Schulalltag. Jetzt berichte ich über meine Reisen, was ich in den letzten Monaten erlebt habe.
Richtung Ende November haben wir Freiwilligen aus dem Bistum Osnabrück unseren Freiwilligen Niklas im Norden von Ghana, in Damongo besucht. Niklas lebt dort in einer Gastfamilie, wo wir auch die Woche über geschlafen haben. In der Woche selber haben wir Niklas Stelle besucht. Niklas hat viele unterschiedliche Einsatzstellen, wo er an dem einen Tag Brot verkauft, an einem anderen Tag wiederum Sport unterrichtet an einer Schule und zwei anderen Tagen in den Kids Club, so eine Art Nachmittagsbetreuung, hingeht.
So ganz am Rande ist vielleicht zu sagen: Als ich meiner Gastfamilie erklärt habe, dass ich in den Norden von Ghana fahre wirkten sie ein bisschen ängstlich. Als ich darauffolgend fragte warum antworteten sie mit einem „Der Norden ist anders. Dort ist mehr Kriminalität und es ist dort ein ganz anderes Leben als im Süden, Westen und Osten.“
Dem kann ich nur teilweise zustimmen. Mit der Kriminalität dort habe ich zum Glück keine Erfahrung gemacht. Auf mich wirkten die meisten Leute eher freundlich. Es ist einfach ein „anderes Leben“. Während es im Süden meistens warm und schwül ist (gerade in den Großstädten) ist es im Norden einfach nur heiß. 100m gehen und man ist schon wieder komplett durchgeschwitzt. Aber nicht nur das. Es gibt tatsächlich Dörfer auf dem Weg nach Damongo, die sehen aus als wären wir im deutschen Mittelalter.

Ein Dorf im Norden.

Ein Dorf wo kein Internet vorhanden ist, wo Leute in Lehmhütten leben, wo viel Armut herrscht und die Dorfbewohner ihr eigenes Leben führen. Wenn man diese Leute allerdings fragt, ob sie in den Süden leben wollen, sagen sie nein. Sie sind mit dem Leben was sie leben glücklich. Es ist einfach nicht vergleichbar mit dem Leben was ich als Freiwilliger in Ho erlebe, ganz geschweige mit meinem Leben in Deutschland. Es war sehr interessant zu sehen wie so etwas aussieht.
Nachdem montags und dienstags Niklas Stellen angeschaut wurden, kam am Mittwoch dann das Highlight, wo jeder drauf gewartet hat. Der MOLE-NATIONALPARK! Wir sind dort hingefahren, haben uns eine Jeep-Safari gebucht und ab ging die Post! Wir hatten Glück und haben direkt Elefanten beim Baden gesehen. Es war ein unbeschreibliches tolles Gefühl die Elefanten in freier Natur zu sehen. Wir konnten direkt am Anfang sieben Elefanten baden sehen und haben nebenbei ein paar Krokodile gesehen. Antilopen, Vögel, Affen, Warzenschweine und 8 weitere Elefanten haben wir auch noch gesehen. Es war einer meiner besten Tage dort im Nationalpark.
Abends stand dann die Rückreise zu unserer Unterkunft an. In den folgenden Tagen haben wir uns nochmal Niklas Stellen angeschaut. Samstag ging es dann wieder zurück in die Heimat. Diese Woche war zu diesem Zeitpunkt mein bestes Erlebnis in Ghana. Daraufhin war ich dann einen Monat wieder in meiner Heimatstadt HO und habe ganz normal gearbeitet. In diesen 4 Wochen habe ich enorm viel von meiner Mutter über die ghanaische Kultur gelernt.

Wenn das Wasser nicht mehr fließt, dann muss es halt hochgepumpt werden.
Fuer alle die mal nach Ghana reisen wollen: Informiert euch! In Ghana gibt es viele Dinge, die man beobachten muss. Bei der Begrüßung wird ein Handschlag gegeben mit der rechten Hand. Alles wird mit der rechten Hand gemacht (Essen, Begrüßung, Kollekte in der Kirche in eine Box einwerfen, Taxi Handzeichen geben). Sobald diese Dinge mit links gemacht werden, wird dies als unfreundlich angesehen. Die linke Hand steht für die dreckige und unreine Hand. Diese Hand wird hier bei Toilettengängen benutzt, beim Popeln und bei all so ähnlichen Tätigkeiten. Der Anhalter, wie man ihn in Deutschland an der Straße macht, hat hier eine ganz andere Bedeutung. Wenn man hier die Hand rausstreckt und den Daumen rauf und runter auf die geballte Faust drückt bedeutet es: Verpiss dich! Also ist nicht so freundlich. Hier wird einfach nur die flache Hand rausgehalten und auf und ab bewegt. Natürlich nur die rechte Hand.
Im Folgenden komme ich auf die normalen Ghanaer als Person. Zu Ghanaern kann man sagen, dass die meisten sehr offen, gastfreundlich, religiös, und (aus deutscher Perspektive) unhygienisch sind.
Zur Offenheit der Ghanaer: Man geht hier durch die Straßen und mit fast jedem, mit dem man Blickkontakt hat, wird eine sehr kurze Konversation geführt: „Hey. How are you?“. Was nichts anderes bedeutet als: „Hey. Wie geht’s dir?“ Manchmal ist es sehr oberflächlich. Manchmal wird aber auch sehr mit Interesse gefragt (Was machst du hier? Aus welchem Land kommst du? Was hat dich dazu inspiriert hierhin zu kommen?). Es ist ein schönes Gefühl, dieses Interesse der Leute zu spüren.
GASTFREUNDLICHKEIT! Das Wort muss man einfach groß schreiben. Es ist wahnsinnig anders hier. Leute die man nicht wirklich kennt, laden einen hier zu allem ein. Ob Essen, Tee trinken, Partys oder Programme (Kirche, Sport, Schule etc.). Zu Allem wird man eingeladen. Das ist ein wirklich sehr schöner Punkt, den ich mir in Deutschland manchmal auch wünschen würde. Klar sind wir in Deutschland auch herzlich, aber das hier in Ghana ist WELTKLASSE.
Die nicht vorhandene Hygiene (aus deutscher Perspektive) ist leider ein Punkt, den man auch ansprechen muss. Manche Menschen, gerade die Ärmeren, wissen nicht, wie man sich richtig die Hände wäscht, geschweige denn, dass man sich die Hände nach einem Toilettengang oder nach dem Arbeiten abwaschen muss. Es wird aber immer besser. Es gibt immer mehr Programme, damit Kinder lernen, wie und wann man sich die Hände waschen muss. Ich finde es sehr gut, dass dagegen etwas unternommen wird.
Die Religion ist für Ghanaer auch sehr wichtig. Fast jeder hier ist sehr gläubig, investiert viel Zeit für die Kirche, um eine Begegnung mit Gott und Jesus zu bekommen. Wenn man hier in die Kirche geht, sieht man, dass die Leute hier mit einem Spirit zu Gott und Jesus beten, reden und auch singen. Da denkt man manchmal, dass man auf einem Konzert ist. Einfach hammer toll.
Ein weiterer Punkt, was typisch für Ghanaer ist, dass sie sehr wenig Umweltbewusstsein haben. Alles, was man hier in der Hand hat und nicht mehr gebraucht wird, wird meistens einfach auf die Straße geworfen. Es gibt wenige, aber immerhin einige, die Zuhause eine Mülltonne haben (meine Gastfamilie zum Glück) und nach Events den Müll mitnehmen, damit der Müll nicht auf der Straße landet.
Ein anderer Tagesrhythmus. Das ist wirklich wichtig zu sagen. Ich sehe das hier sehr gut in meiner Gastfamilie. Um 5 Uhr morgens wird immer aufgestanden und angefangen Frühstück zu machen. Dann wird manchmal, wenn möglich ein Mittagschlaf gemacht und um 8 Uhr abends, spätestens 9 Uhr, ist jeder am schlafen. Also ganz anders als in Deutschland, zumindest wenn ich das auf mich und meine Familie beziehe.

Erstkommunion von meiner Gastschwester Sungviele (ganz unten) und meinem Gastbruder Ariel (zweiter Mann von rechts).
Das wäre es soweit erstmal zu den Ghanaern.
Im Dezember wurde dann erstmal Weihnachten gefeiert. Hier wird Weihnachten nicht an Heiligabend gefeiert, sondern am 1. und 2. Weihnachtstag. Weihnachten hier wird nicht so ganz anders gefeiert, als in Deutschland. Man geht früh morgens in die Kirche und feiert die Geburt Jesu. Weihnachten ist die Stimmung in der Kirche deutlich besser und jeder singt wie verrückt. Es war unglaublich. Anders als in Deutschland, wenn man nach Hause kommt und normalerweise das Christkind, die lieben Familien beschenkt, kommt hier das Christkind mit einer Kiste Cola, Fanta, Sprite für die Kinder. Den Rest des Tages wird Weihnachtsmusik gehört. Mehr passiert nicht. Es finden keine Familientreffen statt. Aber ein Festtagsessen hat sich meine Gastfamilie mit einem Priester und zwei weiteren Freunden nicht entgehen lassen. Es wurde in einem Hotel gegessen mit einer Aussicht auf Ho. Allerdings muss man dazu sagen, dass sich das nicht jeder leisten kann. Dementsprechend wird in Familien aus ärmeren Verhältnissen häufig das lokale Essen vorbereitet und gegessen. Eine kleine Anmerkung: Man weiß ganz genau wann Weihnachten ist. Das sieht man auf den Straßen, in den Geschäften und einfach überall sind rote und grune Stoffe angehangen. Es ist jeder glücklich und die Leute strahlen vor guter Laune.
Nach Weihnachten ist vor Silvester. Zusammen mit den anderen Freiwilligen vom Bistum Osnabrück sind wir an die Cape Coast gefahren. Das ist im Süden von Ghana und wie der Name schon sagt ist es eine Stadt an der Küste. Hier haben wir schöne Tage zusammen gehabt.

Merlin im Kakuum National Park.
Ein Einblick in die Cape Coast Castle und ein Trip in den Kakuum Nationalpark haben wir uns in dieser Zeit nicht entgehen lassen. Silvester haben wir sehr schön zusammen gefeiert und dabei viele weitere Freiwillige aus Ghana kennen gelernt. Es war sehr schön.

Mein Weihnachtsoutfit. Das Oberteil habe ich von meiner Gastmutter geschenkt bekommen.
Im neuen Jahr ging es dann, nach einwöchigem Aufenthalt in Ho, zum Zwischenseminar in Kumasi. Das Zwischenseminar findet ca. nach der Hälfte des Aufenthalts statt. Hierbei sollen der Austausch mit anderen Freiwilligen und die Selbstreflektion im Vordergrund stehen. Wir waren circa 30 Freiwillige bei dem Seminar. Manche hat man vorher schon kennen gelernt, manche nicht. Es waren sehr intensive 7 Tage, die ich selber auch gebraucht habe. Mir hat dieses Zwischenseminar neuen Schwung und Motivation gegeben, was ich ab Ende November leider verloren hatte. Ich habe mich hier auch nochmal mit einem Teamer des Zwischenseminars intensiv ausgetauscht und wir haben meine Probleme und meine guten Sachen rausgefunden. Hierbei habe ich mein neues Ich kennen gelernt. Auf was lege ich Wert und auf was nicht? Was sind meine Stärken und was sind meine Schwächen? Welche Personen sind mir wichtig? Welche nicht? Über solche Sachen habe ich jetzt deutlich mehr Klarheit. Abschließend kann ich sagen, dass das Zwischenseminar eine sehr bedeutungsvolle Woche für mich war.
Nach weiteren zwei Wochen in Ho kam dann der erste Besuch aus Deutschland. Meine Freundin Nina. Es ist sehr schön ein bisschen das Gefühl von Heimat zu bekommen. Wir sind die ersten zwei Wochen nur gereist. Wir waren in Cape Coast und Busua. Ich war auch zum ersten Mal in Busua und kann euch allen nur empfehlen dort hinzugehen. Es ist ein Paradies, wenn man in einer Zeit fährt wo keiner da ist. Wir waren dort an einem sehr schönen Strand und fast niemand war dort. Die beste Attraktion dort war, dass wir dort surfen konnten. Das Wasser war sehr warm und nicht wirklich dreckig.
Nach zwei schönen Wochen ging es dann auch wieder zurück ins schöne HO, damit ich Nina meine Arbeitsstelle zeigen kann. Auch diese Woche ging ziemlich schnell vorbei. Heute (04.03.2019) hole ich meine Mama ab, die sich wahrscheinlich genauso freut mich wiederzusehen, wie ich sie. Nächste Woche steht eine gemeinsame Woche mit Nina und meiner Mama an. Darueber werde ich dann im naechsten Blogeintrag berichten.
Auch wenn das viel nach Urlaub klingt worüber ich jetzt berichtet habe möchte ich betonen, dass ich außerhalb des Urlaubes immer arbeiten war. Von Mitte Dezember bis Mitte Januar waren allerdings Ferien, deswegen bin ich dort reisen gefahren.
Zur allgemeinen Lage: Ich hatte in den letzten zwei bis drei Monaten so meine Probleme, wo es mir nicht wirklich gut bei ging. Ich hatte viele Auseindersetzungen mit der Kultur, Meinungen, Stellenprobleme und habe mir über viele Sachen Gedanken gemacht. Ich habe viele Tiefpunkte gehabt. Manchmal ist es einfach nicht so leicht in einem anderen Land klarzukommen. Auch nach drei Monaten ist das nicht immer so einfach. Es gibt viele Dinge die auch einfach nicht liefen. Ich brauchte in dieser Zeit einfach Zeit für mich. Das war sehr wichtig für mich. Dementsprechend habe ich mich auch bei den Blogeinträgen zurückgezogen. Mitlerweile geht es mir wieder besser und ich wollte mich mal wieder melden. Der Besuch aus Deutschland ist natürlich super und macht mich ziemlich glücklich, dass ich zeigen kann wo und wie ich lebe.
Ich hoffe in Deutschland ist der Frühling mittlerweile ausgebrochen und die tiefen Temperaturen sind vorbei. Hier sind es weiterhin mindestens einmal in der Woche über 40° C. Also ich bin weiterhin im Sommer.
Viele sommerliche Grüße aus dem schönen Ghana,
Peace be with you.
Merlin :-)

PS: Zur Auflösung des Rätsels vom letzten Blogeintrag. Es ist meine Kirche! Manche haben es richtig geraten. Nächste Mal einfach raten und nicht auf GoogleMaps nachgucken bitte… ;-)

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