Maria Königin, Lingen & St. Marien, Lingen-Biene

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Hallo liebe Gemeinde,

da bin ich wieder. Einige von Euch haben mich bereits gefragt, wann ich mal wieder was von mir hören lasse. Nun ist die Zeit gekommen…

Zu aller erst möchte ich sagen, dass ich mich noch nicht wirklich bereit gefühlt habe einen Bericht zu schreiben. Ich brauchte Zeit, um „anzukommen“. Es ist schwierig etwas zusammenzufassen, was im Kopf noch nicht abgeschlossen ist und doch für viele leicht zu vergessen ist. Ich bin ein Mensch, der über vieles intensiv nachdenkt. Ich habe mich in meiner Anfangszeit sehr viel abgelenkt. Fußball, Tennis, Freunde treffen, Städtetouren. Das war mein Alltag, um den Prozess des Vermissens zu überspielen und um mich wieder in Deutschland zu integrieren. Diese Art von Ankommen hat mir sehr geholfen.
Kommen wir jetzt aber zurück zu meinem Jahr.
Anfang Mai begann der Schulalltag wieder ganz normal. Die Schüler sind mit voller Energie ins letzte Drittel des Schuljahres gegangen. Meine Tätigkeiten waren, bis ich gefahren bin, immer die Gleichen. Doch irgendwie hat es sich ganz anders angefühlt in der Schule als früher. Ich wusste ganz genau, dass es meine letzten 1 1/2 Monate mit den Schülern und auch in Afrika sein werden. Es war jedoch nicht nur bei mir so. Auch die Lehrer haben so empfunden. Sie waren zum einen traurig, dass ich bald gehen werde und zum anderen haben sie mich, egal wohin es ging, noch einmal mitgenommen. Ich war sogar bei Lehrern privat zu Hause. Ein ganz anderer Eindruck, den ich von den Leuten gewinnen konnte, da ich sie sonst nur streng vor Schülern oder als oberflächliche Freunde gesehen hatte. Doch wenn man mitgenommen wird und in die private Zone einer Person gelangt, lernt man diese viel mehr kennen und schätzen. Ein gutes Beispiel war das Zuhause einer Lehrerin, mit der ich in dem ganzen Jahr sehr gut ausgekommen bin. Wir sind circa 20 Minuten mit einem Taxi dorthin gefahren. Das Haus (für deutsche Verhältnisse eher eine Hütte) stand in einer Siedlung wo alle Häuser gleich waren. Lehrer und Lehrerinnen verdienen nicht genug um sich und weitere Personen zu ernähren. Somit sind Nebenverdienste nötig, um den Alltag bezahlen zu können. Diese Lehrerin verkauft nach der Arbeit Wasser in Plastikbeuteln. Ihr Haus hatte ein sehr dunkles Wohnzimmer (brauner Teppich, braune Gardinen, schwarzes Sofa) mit einem kleinen Fernseher. Hinter ihrem Wohnzimmer befand sich ihr Schlafzimmer. Dieses durfte ich nicht betreten, weil dieses nur zugänglich für Liebhaber/Ehemann oder eigene Kinder ist.
Es war echt schön, mal einen Einblick in den privaten Bereich zu bekommen. Schon bemerkenswert, wenn man bis vier Uhr arbeitet und danach noch auf die Straßen geht, um Wasser zu verkaufen und über die Runden zu kommen. Natürlich gibt es viele Leute die es schlechter haben, jedoch der Beruf als Lehrer ist höchst anspruchsvoll bei den vielen Kindern und sollte in meinen Augen besser bezahlt und ansehnlicher gemacht werden.

Komm ich zu meinen Projekten.
Als erstes Projekt fand der Umwelttag statt. Dort habe ich gemeinsam mit den Schülern auf dem ganzen Platz einmal für Ordnung gesorgt. Wir haben eine Mülltrennung von Plastik, Biomüll und Papier gemacht, indem wir zwei Mauern als Trennwände errichtet haben. Es waren für mich aufregende Stunden und fast alle Kinder haben ordentlich mitgemacht. Wir hatten Spaß dabei. Ich habe mich um Musik und kostenfreies Wasser für die Kinder gekümmert. Dafür haben wir insgesamt vier Stunden gebraucht. Die Lehrer waren fasziniert von dieser Idee und es kam sehr gut bei allen an! Ich habe ganz viel Lob von allen Lehrerinnen, Lehrern und von meinen vielen Freunden bekommen!

Mein zweites Projekt war „Wie wasche ich meine Hände?“. Dieses fand direkt im Anschluss meines Umwelttages statt, weil die Kinder danach dreckige Hände hatten. Dort habe ich Ihnen gezeigt, wie man mit Seife seine Hände waschen kann. Viele von ihnen wussten vorher nicht, wie man so viele Bakterien wie möglich von den Händen wegbekommt. Hierzu habe ich mich an die 6 Regeln des Händewaschens von Unicef gehalten, die darüber im Februar einen kleinen Vortrag in unserer Schule gehalten haben.
Als Belohnung für diesen anstrengenden Tag gab es noch Süßigkeiten für die ganze Schule. Die Kinder haben sich sehr darüber gefreut.

Mein drittes Projekt war eher eine Zusammenfassung von meinem Ersten und Zweiten! Dort habe ich ein Poster für jede einzelne Klasse gemalt und erklärt, wie wichtig es ist, die Umwelt zu schützen. Das wir die Zukunft sind und es selbst entscheiden, wie unsere Welt in 10 Jahren aussieht. Dies ist für afrikanische Kinder äußerst schwierig nachzuvollziehen, da der ghanaischer Lebensstil einfach anders ist. Den Müll in einen Mülleimer zu bringen, sein Geschäft auf einer Toilette zu erledigen, eine Mülltrennung zu haben und Vieles mehr, ist dort nicht selbstverständlich. Ich kann natürlich nicht sagen ob es geholfen hat, da meine Zeit dafür sehr kurz war. Trotzdem weiß ich, dass es bei vielen Kindern gut angekommen ist. Hierfür habe ich das Hashtag #safethefuture genommen. Auch dieses Projekt ist sehr gut angekommen.

Alles in allem war meine letzte Schulzeit sehr anstrengend. Nicht nur wegen meiner Projekte, sondern auch weil ich noch mehr in alles eingebunden wurde als vorher.

An meinem allerletzten Schultag habe ich mit allen Kindern nochmal Fußball gespielt und getanzt. Dies waren Momente, die mir sehr viel Freude gemacht haben. Nach dem Unterricht kam dann als erstes die Verabschiedung von meinen Schülern. Es war irgendwie traurig, aber auch schön zu wissen, dass sie mich akzeptiert haben wie ich bin, sie glücklich waren, dass ich hier war, dass sie Spaß mit mir hatten, aber gleichzeitig auch von mir gelernt haben. Kurz nachdem alle Schüler „Bye Bye“ gerufen haben, sind sie auf mich losgerannt und wollten mich noch einmal umarmen.
Diesen Moment werde ich nie vergessen!

Kurz danach habe ich mich dann auch von meinen Lehrern verabschiedet. Hierbei stand ein traditionelles Fufu-Essen an. Nach ein paar Worten von mir und einige herzliche Worte von dem Schulleiter, wurde gegessen, getanzt und getrunken. Von jedem Lehrer habe ich noch einmal warme und liebe Worte bekommen. Es war traurig und wunderschön zugleich.

In meinen letzten drei Tagen habe ich noch einmal den Alltag mit meiner Familie genossen. Ein Abschiedsessen, noch ein letztes Mal Schwimmunterricht für meine Gastkinder, ein letztes Mal ghanaische Kirche, ein letztes Mal die Kinder zur Schule bringen und ein letztes Mal spielen mit den Kindern. Obwohl ich so viel Vorfreude auf Deutschland hatte, kamen mir in den letzten Tagen dann doch relativ häufig die Tränen in Alltagssituationen. Es war für mich sehr schwierig im Kopf klar zu bekommen, dass das jetzt bald vorbei sein wird.

Und dann war der letzte Tag. Nachdem meine Gastmama und ich die Kinder zur Schule gebracht haben, packte ich meine Sachen. Ein Koffer und eine riesige Reisetasche mussten reichen, um mein ganzes Zimmer zu entleeren. In der Folge habe ich mich von meiner Gasttante und meinem Gastonkel zum Teil unter Tränen verabschiedet. Sie haben gesagt, dass wir Kontakt behalten und dass wir uns Wiedersehen werden. Es war einer meiner traurigsten Momente in ganz Ghana. Von meinen zwei Hunden habe ich mich auch verabschiedet. Los ging es von Ho nach Accra in die Hauptstadt, dort wo der Flug Richtung Deutschland auf mich wartete. Meine Gasteltern waren so freundlich und haben mich dorthin gebracht, sodass ich pünktlich am Flughafen war.
Am Flughafen selbst konnte ich meine Gefühlslage kaum beschreiben. Ich selbst hatte ein Hoch und Tief der Gefühle und habe mir Gedanken über alles gemacht. Wer holt mich vom Flughafen ab? Wie reagieren meine Freunde darauf, dass ich wiederkomme? Wie haben sich wichtige Menschen im Leben verändert? Wie behalte ich den Kontakt zu einer Familie, mit der ich 1 Jahr lang gewohnt habe und wie zeige ich Ihnen meine Dankbarkeit aus meinem Heimatland? Wie haben sich die Personen in meiner Familie verändert? Traurigkeit, Aufregung und Vorfreude beschrieben meine Gefühle am Flughafen am besten. Und dann kam der nächste weitere Schritt Richtung Deutschland. Die Kofferabgabe begann. Es war merkwürdig, die Klamotten von einem ganzen Jahr abzugeben. Von dort ging es direkt weiter ins Terminal und los ging es. Der Flieger nach Deutschland. Mit einem kleinen Zwischenstopp in Istanbul bin ich dann in Deutschland angekommen. Dort habe ich dann das erste Mal meine Familie wieder getroffen, die mich herzlich empfing. Es war ein sehr schönes Gefühl für mich sie wiederzusehen.

Letztendlich kann ich sagen:
Ich habe es geschafft, ein Jahr in einem ganz anderen Land zu leben, sich anzupassen, sich selbst und andere Menschen kennen zu lernen, vielen Menschen aus einer anderen Kultur etwas zu vermitteln und beizubringen, eine neue Kultur kennenzulernen, die Natur in Afrika zu erleben, in einem anderen Land zu arbeiten und Lebenserfahrungen zu sammeln, die mir ein ganzes Leben helfen werden. Darauf bin ich sehr stolz.

Ein riesiges DANKESCHÖN an alle „Unterstützer“!
Sowohl aus Deutschland - als auch aus Ghana!
…Für alle lieben Worte, Anregungen, Zuhören, Vor- und Nachbereitungen, finanzielle
Unterstützungen und:
… weil ihr für mich in jeder Situation da gewesen seid!!!

In diesem Sinne wünsche ich euch eine frohe, besinnliche, gesunde und schöne Weihnachtszeit! 😊

Merry Christmas!
Peace be with you!

Euer Merlin

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